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Methodensteckbrief "aktive Störungszonen"
#11
Liebe Mitglieder Hinkelstein, endlagerdialog.de und Königin,

erneut: vielen Dank für Ihre Fragen und Anmerkungen. Es folgt ein weiterer Satz Antworten:

Endlagerdialog.de schrieb:
Die Klassifizierung der Störungen ist ja von enormer Bedeutung. Die Übernahme der Einstufung der Landesgeologischen Dienste erscheint sehr kurz gegriffen, da von der BGE schon berichtet wurde, dass ein Bundesland alle Störungen als inaktiv, ein anderes alle als aktiv gemeldet haben. Es handelte sich um Bayern und Baden-Württemberg, die Zuordnung zu den oben genannten Fällen ist mir entfallen.

Hinkelstein schrieb:
„Interessant. Im Extremfall, wen die beiden Bundesländer aneinander grenzen und ein- und dieselbe Störung sich auf beiden Seiten fortsetzt, würde die Störung ja nominell an der Landesgrenze den Charakter wechseln. Das verdeutlicht, dass die BGE am besten gar nichts ungeprüft übernehmen, sondern alle aus fremder Quelle bezogenen Informationen und Einstufungen auf Konsistenz, Stichhaltigkeit und wissenschaftliche Nachweisbarkeit prüfen sollte.“

Antwort der BGE:
Wir stimmen zu, dass die Klassifizierung von Störungen hinsichtlich ihrer Aktivität von enormer Bedeutung ist und verweisen an dieser Stelle auf unsere vorherigen Antworten sowie auf unsere Ergänzung zum Steckbrief.
 
Hinkelstein schrieb:
„Eine weitergehende Frage: In der obigen Darstellung wird, anders als etwa bei den Steckbriefen zu Bohrungen oder Bergwerken, nicht wirklich deutlich, ob die BGE Störungen als 2D- oder 3D-Phänomen betrachtet. Zwar ist von der räumlichen Lage gekrümmter Störungsflächen die Rede, sowie von der vertikalen Projektion der Volumenkörper an die Geländeoberfläche. Nicht klar wird aber, wie mit (wohl der großen Mehrzahl der) Störungszonen umgegangen wird, deren räumliche Lage im Untergrund unbekannt ist. Irritierend wirkt vor allem die Fokussierung auf geologische Karten für "den größten Teil der Daten" - weil Karten ja pure 2D-Gebilde sind. Ist es sinnvoll, diese lediglich von ihrer Oberflächen-Spur ausgehend linear nach unten fortzuschreiben?“

Antwort der BGE:
Grundsätzlich betrachtet die BGE Störungszonen als 3D-Objekte. Wenn Informationen zur Raumlage der Störungszonen vorliegen, werden diese entsprechend in der Darstellung und in der Erstellung von Ausschlusskörpern berücksichtigt (Störungszone Nr. 1 in Abb. 3). Wenn keine Informationen zur Raumlage vorliegen, erfolgt ein vertikaler Ausschluss (Störungszone Nr. 2 in Abb. 3).
Die wesentliche Datenquelle zur Darstellung von Störungszonen sind in der Tat geologische Karten. Dies ist weniger einer Fokussierung der BGE auf geologische Karten geschuldet als der Tatsache, dass solche Karten schlichtweg die häufigste Art der Darstellung und Dokumentation von geologischen Informationen sind. Daher beruht auch der größte Teil der seitens der SGDs an uns übermittelten Daten zu Störungszonen auf geologischen Karten.
Für eine Antwort auf die Frage der Sinnhaftigkeit eines vertikalen Ausschlusses verweisen wir auf den weiter unten stehenden Beitrag der Nutzerin „Königin“. 
 
Hinkelstein schrieb:
„Was geschieht mit Störungen, die möglicherweise gar nicht bis an die Oberfläche reichen, sondern geschlossen im Untergrund verlaufen - ist ein solcher Fall denkbar? Wenn ja, würde er mit der BGE-Methodik übersehen? Mit welcher alternativen Methodik könnte man auch solche Fälle detektieren? Wann wäre der richtige Zeitpunkt dafür - hoffentlich nicht erst bei der untertägigen Erkundung?“
„Wie sind Störungen generell messbar, wenn nicht über ihre Spur an der Oberfläche? Gibt es eine zuverlässige Methode, den Verlauf einer Störung im Volumen des Untergrundes abzubilden, ohne zu bohren? Sind etwa seismische Methoden dazu geeignet? Gibt es andere Methoden des "Untergrund-Röntgens", die auf Störungszonen empfindlich wären und diese in 3D abbilden können? Wie empfindlich sind diese Methoden, und wie hängt ihre Empfindlichkeit evtl. mit der Stärke der Störung (s.o.) zusammen? Gibt es eine "Bagatellgrenze" für schwache Störungen, die zwar vorhanden, aber mit solchen Methoden nicht nachweisbar sind? Wie wäre damit im Rahmen des Standortauswahlverfahrens umzugehen?“

Antwort der BGE:
Der Fall, dass Störungen, die innerhalb der letzten 34 Millionen Jahre aktiv waren, nicht bis an die Erdoberfläche reichen, ist absolut denkbar. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn Störungszonen seit ihrer letzten Aktivität von jüngeren Sedimentschichten überdeckt wurden. In einigen Fällen liegen der BGE Informationen zu solchen Störungszonen vor, z. B. wenn diese auf Basis zueinander versetzter Schichten aus 3D-Modellen extrahiert wurden. Viele an der Erdoberfläche verdeckte Störungen sind in Deutschland nicht erkundet. Hier bietet sich an, wie Sie völlig richtig schreiben, reflexionsseismische Messungen durchzuführen. Diese werden in Phase 2 des Standortauswahlverfahrens bei der übertägigen Erkundung eine wesentliche Rolle spielen.
Die Geophysik kennt eine ganze Reihe nicht-invasiver Erkundungsmethoden zur Detektion von Störungszonen im Untergrund. Ein wesentliches bildgebendes Verfahren für den tiefen Untergrund (mehrere hundert Meter) ist, wie oben bereits genannt, die Reflexionsseismik. Hier wäre der Begriff „Untergrund-Ultraschall“ als medizinisches Pendant passender. Diese Methode detektiert Wechsel in der Gesteinsdichte und der Schallgeschwindigkeit im Untergrund. Eine wesentliche Voraussetzung ist daher, dass solche Unterschiede, z.B. an aneinandergrenzenden Gesteinsschichten, im Untergrund vorhanden sind. In sedimentären Becken ist dies in der Regel der Fall, im kristallinen Grundgebirge weniger. Sind solche Unterschiede in der Untergrundbeschaffenheit gegeben, hängt die Möglichkeit der Bildgebung von Störungszonen mit dem Versatz entlang der Störungszone sowie deren Neigungswinkel zusammen. Generell sind Störungszonen mit kleinem Versatz (Meterbereich) schlechter abbildbar als solche mit großem Versatz (Zehnermeterbereich) und steile Strukturen schlechter als flach einfallende Strukturen. Die von Ihnen genannte „Bagatellgrenze“ ist abhängig von der Untergrundbeschaffenheit, der Erkundungstiefe (und damit dem Frequenzbereich der seismischen Quelle) sowie der Messanordnung an der Erdoberfläche (z.B. nutzt man große Abstände zwischen seismischer Quelle und Empfänger, um steile Strukturen abzubilden). Hier wird die BGE in Phase 2 des Standortauswahlverfahrens an die jeweiligen geologischen Gegebenheiten und Fragestellungen angepasste Erkundungsprogramme entwickeln.
Eine weitere Methode zur nicht-invasiven Abbildung des Untergrunds sind elektromagnetische Verfahren. Je nach Methode ist auch hier eine Charakterisierung des tiefen Untergrunds möglich, jedoch mit deutlich reduzierter Auflösung (und anderer Aussagekraft) verglichen mit reflexionsseismischen Methoden. Das Ergebnis solcher Messungen sind meist Querschnitte des Untergrunds, die die Verteilung der Leitfähigkeit (oder des spezifischen Widerstands) zeigen. So können z.B. wasserführende Störungszonen anhand von elektromagnetischen Verfahren detektiert werden.    
 
Hinkelstein schrieb:
„Die gesamte Darstellung scheint fokussiert auf die räumliche Ausdehung einer Störung, sozusagen ihre volumenmäßige Quantität. Spielt daneben auch die Qualität bzw. die Stärke einer Störung eine Rolle? Zu messen wäre diese wohl etwa über die Amplitude bzw. die Distanz des relativen Versatzes. Möglicherweise hängt diese Amplitude bzw. Intensität ja linear mit dem zusammen, was im Rahmen der Standortauswahl eigentlich interessiert - nämlich der Beeinträchtigung der Durchlässigkeit? Ist es dementsprechend sinnvoll, jeder Störung auch eine Intensität zuzuordnen? Oder ist das Vorliegen einer Störung lediglich eine Ja/Nein-Frage?“

Antwort der BGE:
In dieser Phase des Standortauswahlverfahrens nimmt die BGE keine Einzelfallprüfung von Störungszonen vor, insofern ist das Vorliegen einer Störung mit nachgewiesener Aktivität innerhalb der letzten 34 Millionen Jahre zum aktuellen Zeitpunkt eine Ja/Nein-Frage. Mit dem Fortschreiten des Verfahrens und dem Detaillierungsgrad werden derartige Fragestellungen bei der Bewertung von Störungszonen eine wichtige Rolle spielen.
 
endlagerdialog.de schrieb:
„Was mir vollständig fehlt: Beim BfE - jetzt BaSE - lief bis 04.2019 ein Forschungsprojekt Evaluierung des Kenntnisstandes von aktiven Störungszonen in Deutschland (KaStör). Siehe auch EnArgus-Datenbank und e-Vergabe. In der Leistungsbeschreibung ist zum Beispiel Folgendes festgelegt: ….
Sind Ergebnisse dieser Arbeit der Beak Consultants GmbH, Freiberg der BGE bekannt? Beim BaSE ist zu den Ergebnissen nichts zu lesen, obwohl die Studie bereits vor einem Jahr beendet sein sollte. Zu welchen Ergebnissen kommt diese Studie? Wo sind die verständlichen Darstellungen?“

Antwort der BGE:
Diese Frage können wir Ihnen leider nicht beantworten, da der Bericht des BASE uns nicht vorliegt.
 
Königin schrieb:
„Worin begründet sich das Vorgehen, dass bei über 99% Prozent der Störungen senkrecht nach unten ausgeschlossen werden soll, obwohl kein Fallwinkel vorliegt? ("Fallwinkel liegt der BGE für weniger als 1 % der Störungszonen vor.")
Da der Fallwinkel in den allermeisten Fällen von den, indirekt angenommenen, 90 Grad abweichen dürfte, werden so unzulässig zu große bzw. falsche Volumen ausgeschlossen.“
 
Antwort der BGE:
Danke für diese Frage, mit der wir uns bei der BGE in der Vergangenheit ebenfalls intensiv auseinandergesetzt haben. Wir haben den Fall eines Ausschlusses ohne Kenntnis des Einfallwinkels einmal für eine typische Störung in Deutschland visualisiert.

   

Auf der Abbildung sehen Sie als 2D-Querschnitt eine mit 65° einfallende Störungsfläche – ein relativ typischer Wert für Deutschland, wo wir es tendenziell eher mit steil- als mit flacheinfallenden Störungen zu tun haben. Ohne Kenntnis des Neigungswinkels würde ein vertikaler Ausschluss erfolgen – dies ist anhand der bläulichen Fläche visualisiert. Wie Sie völlig richtig anmerken, weicht dieser vertikale Ausschlussbereich von den um eine geneigte Störungsfläche konstruierten Ausschlussbereich ab. Sollten für die im Beispiel gezeigte Störungszone im weiteren Verlauf des Verfahrens Informationen zur Raumlage gewonnen werden, würde der vertikale Ausschlussbereich um einen geneigten Ausschlussbereich (grünlich eingefärbt) ergänzt. Letzterer deckt deutlich über die Hälfte des vereinfacht als vertikal angenommenen Ausschlussbereichs ab – ggf. sogar mehr, wenn im weiteren Verfahren eine Vergrößerung des Sicherheitsabstandes erfolgt. Dadurch wird in unseren Augen das Argument unzulässig großer bzw. falscher Ausschlussvolumen etwas relativiert, sodass für uns der Aspekt überwog, den allergrößten Teil der uns vorliegenden Information zu aktiven Störungszonen tatsächlich auch für einen Ausschluss zu verwenden anstatt diesen mit dem Argument unzureichender Informationen in die 2. Phase des Standortauswahlverfahrens zu verschieben.
 
Literatur
#12
Liebe User*innen, danke für die lebhafte Diskussion. Hier kommen weitere Antworten:
 
Hinkelstein schrieb:
Zweite Frage: Sie zitieren den Bundestag mit der Vorgabe, der Sicherheitsabstand betrage "in der Regel mindestens einen Kilometer". Dann stellen Sie dar, dass nach Ihren Erkenntnissen in der wissenschaftlichen Literatur "Maximalbeträge von etwa 200m" vertreten werden. Und schlagen vor, diese Diskrepanz dahingehend aufzulösen, dass die BGE "1000m als Saum für die Störungsspur" verwendet. Ist nicht auch das genau die falsche Entscheidung? Müsssten Sie nicht, solange Unkenntnis über den "richtigen" Sicherheitsabstand herrscht, auch hier eher Vorsicht walten lassen und Ihr Ausschluss-Instrumentarium eher auf Sparsamkeit statt auf großzügigen Ausschluss ausrichten? Also das Differenzgebiet von 800m Breite, von dem man bisher nicht genau sagen kann, ob es sinnvollerweise Teil des Sicherheitsabstands sein sollte, vorerst lieber nicht ausschließen? Es in einen späteren Verfahrensschritt doch noch auszuschließen, dürfte dann weit einfacher sein, als es nach einem verfrühten Ausschluss später wieder einzubeziehen. Insofern spricht die Vorsicht, der sinnvolle Umgang mit Ungewissheiten, wie auch das Prinzip der Weißen Landkarte und der sukzessiven Verengung des Suchgebiets dafür, den Sicherheitsabstand zunächst an der Unter- statt an der Obergrenze des Unsicherheits-Intervalls anzusiedeln. Ihn also nicht bei 1000m, sondern bei 200m zu veranschlagen. Das Gebiet dazwischen könnte evtl. in dieselbe Kategorie einsortiert werden wie die "unbekannten" Störungszonen.

Antwort der BGE:
Lieber User Hinkelstein,
grundsätzlich entspricht der von Ihnen beschriebene Ansatz des flächenmäßig vorsichtigen Ausschließens zu diesem frühen Zeitpunkt des Standortauswahlverfahrens auch unserer Philosophie im Umgang mit den Ausschlusskriterien. Im Falle des Sicherheitsabstandes um Störungszonen orientieren wir uns allerdings am StandAG sowie an dessen Begründung. Aus dem Wortlaut des § 22 Abs. 2 Nr. 2 StandAG ergibt sich, dass die Gebirgsbereiche auszuschließen sind, in denen aktive Störungszonen vorhanden sind, „einschließlich eines abdeckenden Sicherheitsabstandes“. Daraus folgt, dass nicht nur der aufgrund der Störung geschädigte Gebirgsbereich (Störungskern und Zerrüttungszone), sondern zudem auch ein weiterer Bereich um diese Störungen herum als Sicherheitsabstand auszuschließen ist. Dieser Sicherheitsabstand wird in der Begründung zu § 22 Abs. 2 Nr. 2 näher definiert. Dort heißt es, dass der Sicherheitsabstand zu einer Störungszone jeweils individuell abzuschätzen ist, in der Regel aber mit mindestens mit einem Kilometer anzusetzen ist. Da wir zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens keine Einzelfallbetrachtung von Störungszonen und dazugehörigen Sicherheitsabständen durchführen, halten wir uns an den in der Begründung zu § 22 Abs. 2 Nr. 2 StandAG formulierten Regelfall zur Bemessung des Sicherheitsabstandes. Um dem Anfangs formulierten Grundsatz im Umgang mit den Ausschlusskriterien gerecht zu werden, wird der Störungszone selbst (Störungskern und Zerrüttungszone) in Phase 1, Schritt 1 des Standortauswahlverfahrens keine zusätzliche flächenhafte Ausdehnung zugeordnet.

Hinkelstein schrieb:
„Noch eine Zusatzfrage an das BGE-Team:
Wie sinnvoll ist es aus Sicht der BGE, dass das gesetzliche Ausschlusskriterium auf "aktive" Störungszonen beschränkt ist? Klar, was sich in jüngerer geologischer Vergangenheit bewegt hat, könnte sich auch in der Zukunft bewegen, neue Risse und Klüfte öffnen, etc. Grund genug für einen Ausschluss.
Aber gilt auch der Umkehrschluss: Was sich schon mehr als 34 Mio. Jahre nicht mehr gerührt hat, das hat auch keine Klüfte mehr und kann die Endlagersicherheit nicht beeinträchtigen? Ist demnach die Riss-Heilung nach einer Maximaldauer von 34 Mio. Jahren garantiert?
Wenn nein: Müsste man dann nicht evtl. auch ältere Störungen in die Betrachtungen und evtl. den Ausschluss einbeziehen?“

Antwort der BGE:
Diese Vorgabe ergibt sich für die Anwendung der Ausschlusskriterien aus dem Standortauswahlgesetz, was die Grundlage unserer Arbeit ist.
Die Frage nach der Selbstabdichtungsfähigkeit einer Störungszone ist im Detail sehr kompliziert, da hier viele Faktoren eine Rolle spielen. Hier sind die sehr unterschiedlichen gesteinsmechanischen Eigenschaften von beispielsweise Ton, Salz und Kristallingesteinen maßgeblich, welche im Untergrund nicht konstant sind, sondern sich mit zunehmender Tiefe aufgrund der jeweiligen Druck- und Temperaturbedingungen verändern. Zudem hat der Versatzbetrag entlang einer Störung sowie die Geschwindigkeit mit der dieser Versatz entstand (Fossen & Bale, 2007) einen großen Einfluss auf die „Heilungsfähigkeit“ einer Störungszone. Auch Prozesse im Zusammenhang mit der Anwesenheit oder Neubildung von Tonmineralen bzw. die Ausfällung von Zementen im Untergrund spielen hier eine wichtige Rolle (Faulkner et al. 2010). Diese Aufzählung zeigt, wie komplex die Beantwortung der Frage der Rissheilung im Einzelfall ist. Von einer garantierten Rissheilung nach 34 Millionen Jahren ist nicht auszugehen.
Auch wenn sich das Ausschlusskriteriums „aktive Störungszonen“ auf junge Strukturen beschränkt, werden Störungszonen gegenwärtig auch altersunabhängig im Rahmen der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien (§ 24 StandAG) in die Bewertung von Identifizierten Gebieten (Gebieten, die nicht ausgeschlossen werden und die die Mindestanforderungen erfüllen) einbezogen. Dies geschieht im Zusammenhang mit Anlage 3, Indikator 4 „Ausmaß der tektonischen Überprägung der geologischen Einheit“ sowie Anlage 11, Indikator 3 „keine strukturellen Komplikationen im Deckgebirge […]“.

endlagerdialog.de schrieb:
„In dem Poster bei den Tagen der Standortauswahl (Tagungsband S.6 , leider ist das Poster nicht dokumentiert)
P03: K. Müller; Neotectonics and paleoseismicity - The reactivation potential of faults in northern Germany due to glacial isostatic adjustment
wurde die Reaktivierung von Störungen in der Zeit nach der Eiszeit diskutiert. Wenn ich richtig verstanden habe, kann schon der Rückzug des Eises nach einer Eiszeit alte Störungen aktivieren. Dazu gibt es ein Forschungsvorhaben der BGR mit dem Titel Paläoseismische Untersuchung Norddeutschlands. Leider liegt noch kein Endbericht vor - siehe hier. Wie wird die BGE damit umgehen?“

Antwort der BGE:
Uns ist das Projekt „Paläoseismische Untersuchung Norddeutschlands“ der BGR bekannt. Bisher liegt uns der Projektbericht ebenfalls nicht vor.
Die Entlastung der Erdkruste nach dem Rückzug eines Eisschildes führt zu Spannungsänderungen und vertikalen Ausgleichsbewegungen, die auch entlang von bestehenden Störungszonen erfolgen können. Dieses Phänomen ist vor allem aus Skandinavien bekannt. Neuere Erkenntnisse deuten zusätzlich darauf hin, dass auch Störungszonen reaktiviert werden können, die eine deutliche Entfernung zum Eisschild aufweisen (z.B. Brandes et al. 2015). Aus diesem Grund verfolgt die BGE das oben genannte Forschungsvorhaben mit großem Interesse.

Hinkelstein schrieb:
 „Ihre Ausführungen zu Konsistenz-Brüchen an Landesgrenzen sind sehr bedenkenswert. Kann man aus der beobachteten Problematik möglicherweise methodische Beiträge zum fundierten Umgang mit Unsicherheiten ableiten? Können etwa räumliche Sprünge von Störungs-Spuren an einer Landesgrenze quantitative Hinweise auf Ungenauigkeiten der Positionsbestimmung der Störung beidseits der Grenze geben? Lässt sich etwa der Sprung-Betrag unmittelbar in ein Unsicherheits-Intervall übersetzen? Es wäre zumindest erfreulich, wenn das noch kaum diskutierte Thema "rationaler Umgang mit Unsicherheiten" hiervon profitieren könnte.“

Antwort der BGE:
Inkonsistenzen an Bundeslandgrenzen können entweder auftreten, wenn sich dort die Einschätzung der Aktivität einer Störungszone seitens der Staatlichen Geologischen Dienste unterscheidet oder wenn eine aktive Störungszone in unterschiedlichen Kartenmaßstäben vorliegt. Mittlerweile ist die Auswertung der Datensätze bereits weit fortgeschritten und es hat sich gezeigt, dass inkonsistente Aktivitätseinschätzungen an Ländergrenzen relativ selten vorliegen. Von Seiten der BGE wird grundsätzlich geprüft auf welcher fachlichen Grundlage die Aktivitätseinschätzung einer Störungszone beruht um eine eigene Bewertung vorzunehmen. Daraus folgt, dass eine aktive Störungszone auch im angrenzenden Bundesland als solche fortgeführt wird. Auch der Fall von aktiven Störungszonen, die im Verlauf auf unterschiedlichen Kartenmaßstäben beruhen und daher an Bundeslandgrenzen die Lage wechseln, tritt relativ selten auf. Dieser Fall ist in unseren Augen nicht geeignet um aus dem Lageversatz eine Lageungenauigkeit abzuleiten, da wir es entlang der Bundeslandgrenze mit unterschiedlichen Kartenmaßstäben zu tun haben. Ebenso wenig lässt ein konsistenter Verlauf einer Störungszone über eine Landesgrenze hinweg die Aussage zu, dass die Lage der Störungszone ohne jegliche Ungewissheit bestimmt ist.


weitere Literatur:
Brandes, C., Steffen, H., Steffen, R., & Wu, P. (2015). Intraplate seismicity in northern Central Europe is induced by the last glaciation. Geology, 43(7), 611-614.
https://pubs.geoscienceworld.org/gsa/geo...611/131947

Scheck, M., Bayer, U., & Lewerenz, B. (2003). Salt movements in the Northeast German Basin and its relation to major post-Permian tectonic phases—results from 3D structural modelling, backstripping and reflection seismic data. Tectonophysics, 361(3-4), 277-299. https://www.sciencedirect.com/science/ar...5102006509

Warsitzka, M., Jähne‐Klingberg, F., Kley, J., & Kukowski, N. (2019). The timing of salt structure growth in the Southern Permian Basin (Central Europe) and implications for basin dynamics. Basin Research, 31(2), 337-360. https://www.earthdoc.org/content/journal.../bre.12323
#13
Liebe Nutzer*innen des BGE-Forums, hier kommen weitere Antworten auf die Fragen zu den Störungszonen.
Sie können uns auch nach Abschluss der Konsultation selbstverständlich per E-Mail unter dialog@bge.de weitere Rückfragen zukommen lassen.


endlagerdialog.de schrieb:
„Ein anderer Aspekt ist die Berücksichtigung von Sockelstörungen. Diese sollen vorerst nicht berücksichtigt werden. Begründet wird das mit: Aufgrund der mechanischen Entkopplung zwischen Grundgebirge unterhalb und den Gesteinsformationen oberhalb von Salinarhorizonten, ist eine direkte Korrelation zwischen Deckgebirgsstörung und Sockelstörung schwierig (Brück-ner-Röhling et al., 2002).
Leider ist die angeführte Literatur nicht mit einem Link versehen, sie lässt sich auch nicht ohne Weiteres auf https://www.bgr.bund.de finden.“
„Kann eine solche Sockelstörung aber nicht zu einer hohen halokinetischen Aktivität führen, die einen Ausschluss notwendig macht? Können nicht bei einer Aktivierung einer Sockelstörung die Abfälle freigelegt werden, wie es für Lösungen angenommen wird (Mehnert, M.(2005). Endlagerung radioaktiver Abfälle als nationale Aufgabe. S. 54)“
 
Antwort der BGE:
Bewegungen entlang von Störungen im Grundgebirge sind ein gängiger Auslöser von Bewegungen im überlagernden Salz. Für das Norddeutsche Becken lässt sich jedoch festhalten, dass die meisten Salzstöcke bereits zum Beginn des Tertiärs als Salzstöcke ausgebildet waren (Warsitzka et al., 2019). Zudem wurden wenige der in Norddeutschland von Brückner-Röhling et al. (2004) untersuchten Sockelstörungen während des Tertiärs reaktiviert. Ein gewisses Reaktivierungspotential solcher Störungen ist zukünftig durch die Be- und Entlastung von Gletschern gegeben und Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Diskussionen (Brandes et al., 2015; 2019). Dass eine mögliche Reaktivierung von Sockelstörungen innerhalb des Nachweiszeitraums von einer Million Jahre Salzbewegungen auslöst, die zur Freilegung eines Endlagers führen, halten wir für unwahrscheinlich.
 
Hinkelstein schrieb:
Zur Sache: Die Ergänzung zum Steckbrief ist hilfreich. Dazu lediglich zwei Rückfragen: Wie kann die BGE sicherstellen, dass das auf immer zahlreichere Dokumente verteilte, fragmentierte Wissen zu Ausschlusskriterien konsolidiert und bewahrt wird? Gibt es Vorstellungen zu einem dauerhaften Wissensmanagement? Wichtig wäre ja etwa, dass Menschen, die in 5 oder 10 Jahren erstmals an einer Regionalkonferenz mitwirken, sich nicht langwierig neu einarbeiten müssen, sondern Ergebnisse von Diskusisonen wie dieser schnell aufnehmen und darauf aufbauen können. Dazu müssen die Ergebnisse kompakt aufbereitet und überliefert werden. Welche Rolle kann die BGE dabei spielen?
 
Antwort der BGE:
Mit der Anforderung an einem “transparenten […] Verfahren“ gemäß § 1 (2) StandAG und der Entscheidung des Gesetzgebers für eine Reversibilität des Standortauswahlverfahrens nach Maßgabe der §§ 12 ff. StandAG werden besondere Anforderungen an die Dokumentation des Verfahrens gestellt. Die gesetzliche Forderung nach Transparenz setzt eine nachvollziehbare Dokumentation des Weges zum Ergebnis und der auf diesem Weg gewonnenen Erkenntnisse voraus (vgl. auch Wollenteit, in: Frenz (Hrsg.), Atomrecht, Atomgesetz und Ausstiegsgesetze, StandAG, §1 Rn. 13). Gemäß § 38 StandAG obliegt dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) die Aufgabe der dauerhaften Speicherung bedeutsamer Daten und Dokumente. Zur Umsetzung der genannten Anforderungen führte der Bereich Standortauswahl eine vorgangsbasierte und elektronische Aktenführung ein, welche mit Blick auf künftige Speicherdaten gemäß § 38 StandAG einen ausgewählten Anteil an Schriftstücken in Papierform (Hybridakte) beinhaltet. Damit schafft der Bereich Standortauswahl eine nachvollziehbare Dokumentation, die es sowohl ermöglicht die Entwicklungsstände von Unterlagen, als auch die verschiedenen Einflussnahmen durch interne oder externe Impulsgeber, z.B. Kommunikation mit den Bundes- und Landesbehörden, Gutachten, Entscheidungen der Rechtsaufsicht des BASE, zu kennzeichnen und zu dokumentieren. Dieses Vorgehen ermöglicht zudem die in Folge externer Einflüsse notwendigen Kursänderungen, z.B. durch neue Erkenntnisse aus Forschungsvorhaben, Gesetzesänderungen o.ä., zu dokumentieren und stellt damit auch die Reversibilität des Verfahrens sicher.
Die vorgangsbasierte Dokumentation bildet das Herzstück des Wissensmanagements des Standortauswahlverfahrens innerhalb der BGE. Die darin enthaltenen Informationen werden von den am Verfahren beteiligten Fachabteilungen teils in Eigenleistung und teils übergreifend erarbeitet. Daher werden die Mitarbeitenden des Bereiches Standortauswahl regelmäßig über Veränderungen von Randbedingungen sowie neu erstellten und veröffentlichten eigenerstellten oder externen Unterlagen informiert. Auch die Inhalte aus Fachsymposien, Gremienarbeit und anderen Fachveranstaltungen, an denen Mitarbeitende aus dem Bereich Standortauswahl teilgenommen haben, werden systematisch aufbereitet und verfügbar gemacht, um einen möglichst einheitlichen Wissensstand zu generieren. Regelmäßige bereichsinterne Weiterbildungsveranstaltungen zu ausgewählten Themenkomplexen unterstützen das Verständnis und die Verteilung von generiertem und vorhandenem Wissen, das für die Erfüllung der Vorgaben aus dem StandAG notwendig ist. Der Wissenstransfer an die interessierte Öffentlichkeit erfolgt über mehrere Wege. Die in § 6 StandAG geforderte Internetplattform stellt „die das Standortauswahlverfahren betreffenden Unterlagen“ zur Verfügung. Die Aufbereitung der Wissensstände erfolgt in verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen, wie z.B. der Jugendworkshop #dein_endlager?! im Oktober 2019 oder Die Tage der Standortauswahl im Dezember 2019. Über Onlinekonsultationen in einem eigens dafür eingerichteten Forum der BGE werden u.a. Konzepte und Vorgehensweisen zu Ausschlusskriterien und geowissenschaftlichen Abwägungskriterien mit interessierten Teilnehmern diskutiert. Eine Zusammenfassung zu den Ergebnissen aus den Onlinekonsultationen auf der BGE-Internetseite wird jährlich zur Verfügung gestellt.
 
Hinkelstein schrieb:
Das Glossar scheint eine gute Idee. Auch dieses lässt sich aber sicherlich schrittweise weiter optimieren. So wäre es hilfreich, wenn der im ersten Eintrag verwendete Begriff "Dehnung" auf den zugehörigen Eintrag auf S. 2 verweisen würden - und wenn dieser nicht unter "E" wie Extension, sondern auch unter "D" wie Dehnung auffindbar wäre. Der Nutzwert für nicht-Geologen könnte gesteigert werden, indem alle weiteren, nicht aus der Alltagssprache vertrauten Begriffe - hier etwa: "Streichen" - mit eigenen Einträgen gewürdigt würden. Besonders hilfreich könnte es sein, wenn auf Querverbindungen zwischen den Begriffen explizit hingewiesen würde: Ist etwa eine "Blattverschiebung" eine Form der "Scherung"? Sind "Blattverschiebungen" dadurch definiert, dass der "Versatz" parallel zur Störungsfläche orientiert ist? Was haben "Karste" evtl. mit "Subrosion" zu tun?

Antwort der BGE:
Vielen Dank für Ihre Hinweise zur Optimierung unseres Glossars!
 
Literatur:


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